Jenseits von Schuld und Sühne
Burgschauspielerin Birgit Minichmayr rezitiert aufrüttelnde Texte des Widerstandskämpfers Jean Amèry. Virtuos-dramatisch umrahmt von Melodien des jüdisch-ukrainischen Komponisten Efim Yourist.
Bühnenpartner
Besetzung
Peter Gillmayr —
Violine
Andrej Serkov —
Bajan
Guntram Zauner —
Gitarre
Alvin Staple —
Kontrabass
Jenseits von Schuld und Sühne: Ein Abend von und für den Widerstandskämpfer Jean Amèry
Burgschauspielerin Birgit Minichmayr rezitiert aufrüttelnde Texte des Widerstandskämpfers Jean Amèry. Virtuos-dramatisch umrahmt von Melodien des jüdisch-ukrainischen Komponisten Efim Yourist.
„Antisemitismus und die jüdische Frage, als historische, sozial bestimmte konzeptionelle Phänomene, waren und sind kein Anliegen von mir. Sie sind ausschließlich eine Angelegenheit der Antisemiten, ihrer Schande oder ihrer Krankheit.“ — Jean Amèry, 1966
Stimmen
"Der Verlust der Heimat ist eine Wunde, die nie heilt
Alfa Laakirchen: Birgit Minichmayr und das Ensemble Tango de Salon verwandelten Jean Amérys Text in einen Appell an die Gegenwart
Heimat ist kein romantisch grundierter Ort, sondern existenzielle Voraussetzung menschlicher Identität. Der österreichische Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Holocaust-Überlebende Jean Améry (1912-1978) wendet sich in seinem Text "Wieviel Heimat braucht der Mensch" aus dem Essay-Band "Jenseits von Schuld und Sühne" gegen vermeintliche Verharmlosung realer Entwurzelung, denn „sicher fühlt man sich dort, wo nicht Ungefähres zu erwarten, nicht ganz und gar Fremdes zu fürchten ist". Insofern mögen auch gegenwärtige Gesellschaften den Verlust von Heimat nicht in erster Linie als Anpassungsproblem begreifen, sondern als nie heilende Wunde des Menschen.
Am Freitagabend gab Burgschauspielerin Birgit Minichmayr im bestens besuchten Kulturzentrum ALFA in Laakirchen im Rahmen der Salzkammergut Festwochen Amérys Vermächtnis Stimme und Körper. Nach pausenlosen 80 Minuten blieben etliche Besucher in den Reihen sitzen und ließen Text wie Musik in sich einsickern. Denn Peter Gillmayrs Ensemble Tango de Salón mit Andrej Serkov (Bandoneon), Guntram Zauner (Gitarre) und Roland Wiesinger (Kontrabass) durchbluteten Amérys Analyse einer nur durch Heimat verankerten Ordnung mit Kompositionen von Kurt Weill („Tangoballade"), Efim Jourist, Ernest Bloch, Salomon Sulzer und ihren wortlos vertonten Geschichten. Eine Verschmelzung von Musik und Literatur, die sich zum dramaturgischen Glücksfall aufschaukelte. Erst recht, weil Birgit Minichmayr die facettenreiche Bandbreite ihrer Stimme wie nur wenige zu führen versteht. Améry, dessen Texte Schullektüre sein sollten, schlüsselt entlang seiner Flucht vor den Nationalsozialisten von Österreich nach Belgien sowie seiner Erlebnisse und Begegnungen in diversen Konzentrationslagern bis Auschwitz auf, dass erzwungene Migration niemals mit freiwilliger Mobilität gleichgesetzt werden darf. Und als hätte er zum Zeitpunkt der Erstveöffentlichung des Bands 1966 bereits geahnt, was noch alles auf die Welt zukommen würde, gibt er auf die selbst gestellte Titel-Frage wie im inneren Monolog zurück: „Und doch ist man gerade in diesen Tagen, da die Heimat an Reputation verliert, stark versucht, die bloß rhetorische Frage zu beantworten und zu sagen: ,Es braucht viel Heimat.' Mehr jedenfalls als eine Welt von Beheimateten, deren ganzer Stolz ein kosmopolitischer Ferienspaß ist, sich träumen lässt." Denn man büßt mit dem Verlust der Herkunft, nicht nur einen gesicherten Raum, sondern sein Ich ein. In dieser Entmenschlichung haben das „Morgen und Übermorgen keine Kraft und keine Gewissheit".
Langer Applaus! Bravo!
Fazit: Ein kluger Abend, der den Verlust Geflüchteter erfassen lässt."
— Peter Grubmüller, OÖNachrichten
Alfa Laakirchen: Birgit Minichmayr und das Ensemble Tango de Salon verwandelten Jean Amérys Text in einen Appell an die Gegenwart
Heimat ist kein romantisch grundierter Ort, sondern existenzielle Voraussetzung menschlicher Identität. Der österreichische Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Holocaust-Überlebende Jean Améry (1912-1978) wendet sich in seinem Text "Wieviel Heimat braucht der Mensch" aus dem Essay-Band "Jenseits von Schuld und Sühne" gegen vermeintliche Verharmlosung realer Entwurzelung, denn „sicher fühlt man sich dort, wo nicht Ungefähres zu erwarten, nicht ganz und gar Fremdes zu fürchten ist". Insofern mögen auch gegenwärtige Gesellschaften den Verlust von Heimat nicht in erster Linie als Anpassungsproblem begreifen, sondern als nie heilende Wunde des Menschen.
Am Freitagabend gab Burgschauspielerin Birgit Minichmayr im bestens besuchten Kulturzentrum ALFA in Laakirchen im Rahmen der Salzkammergut Festwochen Amérys Vermächtnis Stimme und Körper. Nach pausenlosen 80 Minuten blieben etliche Besucher in den Reihen sitzen und ließen Text wie Musik in sich einsickern. Denn Peter Gillmayrs Ensemble Tango de Salón mit Andrej Serkov (Bandoneon), Guntram Zauner (Gitarre) und Roland Wiesinger (Kontrabass) durchbluteten Amérys Analyse einer nur durch Heimat verankerten Ordnung mit Kompositionen von Kurt Weill („Tangoballade"), Efim Jourist, Ernest Bloch, Salomon Sulzer und ihren wortlos vertonten Geschichten. Eine Verschmelzung von Musik und Literatur, die sich zum dramaturgischen Glücksfall aufschaukelte. Erst recht, weil Birgit Minichmayr die facettenreiche Bandbreite ihrer Stimme wie nur wenige zu führen versteht. Améry, dessen Texte Schullektüre sein sollten, schlüsselt entlang seiner Flucht vor den Nationalsozialisten von Österreich nach Belgien sowie seiner Erlebnisse und Begegnungen in diversen Konzentrationslagern bis Auschwitz auf, dass erzwungene Migration niemals mit freiwilliger Mobilität gleichgesetzt werden darf. Und als hätte er zum Zeitpunkt der Erstveöffentlichung des Bands 1966 bereits geahnt, was noch alles auf die Welt zukommen würde, gibt er auf die selbst gestellte Titel-Frage wie im inneren Monolog zurück: „Und doch ist man gerade in diesen Tagen, da die Heimat an Reputation verliert, stark versucht, die bloß rhetorische Frage zu beantworten und zu sagen: ,Es braucht viel Heimat.' Mehr jedenfalls als eine Welt von Beheimateten, deren ganzer Stolz ein kosmopolitischer Ferienspaß ist, sich träumen lässt." Denn man büßt mit dem Verlust der Herkunft, nicht nur einen gesicherten Raum, sondern sein Ich ein. In dieser Entmenschlichung haben das „Morgen und Übermorgen keine Kraft und keine Gewissheit".
Langer Applaus! Bravo!
Fazit: Ein kluger Abend, der den Verlust Geflüchteter erfassen lässt."
— Peter Grubmüller, OÖNachrichten